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Rezension: www.lernen-aus-der-geschichte.de

Tagung am 6. Juni 2008 im Foyer, Justus-Liebig-Haus, Darmstadt

„Zigeunerbilder“ in Schule und Unterricht.
Tagung des Verbands Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Hessen in Kooperation mit der Gesellschaft für Antiziganismusforschung am 6. Juni 2008

Am 6. Juni 2008 führte der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Hessen, in Darmstadt im Rahmen des Lokalen Aktionsplans eine Tagung durch, die sich mit dem Thema „Zigeunerbilder“ in Schule und Unterricht auseinandersetzte. Dabei wurde die Frage aufgestellt, warum die Vorgaben aus der Politik, die Themenbereiche „Verfolgung der Sinti und Roma“ und „Antiziganismus“ im Unterricht zu behandeln, so wenig Beachtung im Schulalltag finden.
Eröffnet wurde die Veranstaltung durch Stadtrat Jochen Partsch, der auf die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit dem Antiziganismus in der Gesellschaft hinwies. Innerhalb der 90 Lokalen Aktionspläne, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützt würden, hat allein die Wissenschaftsstadt Darmstadt ein Projekt zur Analyse und Aufbrechung von Antiziganismus vorgeschlagen. Dem entspreche eine Kooperationsvereinbarung der Stadt mit der Vertretung der Sinti und Roma.
Samson Lind als Vertreter der Landesverbandes bedankte sich bei den Kooperationspartnern und bei den Geldgebern, dem Bundesministerium und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Er machte deutlich, dass es vor allem eine Angelegenheit der Mehrheitsgesellschaft sei, Vorurteile, Ressentiments und Vorbehalte kenntlich zu machen und zu beseitigen, die man als Antiziganismus zusammenfasse, und nicht die vorrangige Angelegenheit der Minderheit. Sie ist Opfer der Auswirkungen.
In den folgenden vier Vorträgen wurden Aspekte des Vorhandenseins von „Zigeunerbildern“ aus verschiedenen Perspektiven dargestellt. Im Mittelpunkt standen dabei die Umfragen, die der Landesverband in Kooperation mit dem Institut für Pädagogik und der Gesellschaft für Antiziganismusforschung veranlasst hatte. Ziel war es zu erfragen, welche „Zigeunerbilder“ heute in der Schule bekannt sind und wie mit dem Thematik „Sinti und Roma“ im Unterricht umgegangen wird.
Jennifer Anhalt war eine der Studierenden, die nach einigen einführenden Workshops von Januar bis März 2008 in Darmstädter Schulen vorstellig geworden waren, um Interviews mit Lehrkräften zu führen oder um Fragebögen zu verteilen. Sie berichtete von den Schwierigkeiten, eine Gelegenheit zu finden, mit Lehrkräften überhaupt, speziell aber zum Themenkomplex „Sinti und Roma“ zu sprechen. Ihr sei es vor allem durch eine gewisse Hartnäckigkeit und auch durch persönliche Kontakte gelungen, doch eine ganze Reihe von Gesprächen zu führen. Dabei sei ihr vor allem die Unsicherheit von vielen Lehrkräften aufgefallen, denn fast alle hätten sich während des Studiums kaum bis gar nicht mit den Themen beschäftigt.
Udo Engbring-Romang stellte das Thema in einen größeren Zusammenhang, indem er kurz über die Erwartungen von Didaktiker in der 1980er und 1990er referierte, die seinerzeit durchaus optimistisch davon ausgingen, dass es genügend Materialien für einen guten Unterricht in den Fächern Geschichte und Politik gebe. Genau diese Fragestellung, nämlich ob die Thematik in den Schulen und im Unterricht angekommen sei, wurde in den zwei Umfragen formuliert, die vom Landesverband Hessen des Verbands deutscher Sinti und Roma veranlasst worden waren. Im Herbst 2006 waren hessische Schule, das sind Schulleitungen, befragt worden, mit dem Ergebnis, dass vor allem von Gymnasien bestätigten, dass das Thema „Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus“ behandelt würde, dass aber weitere Bereiche eher unbekannt oder unbeachtet geblieben seien, so vor allem das Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten. Die zweite im Rahmen des Lokalen Aktionsplans durchgeführte Fragebogenaktion zeigte ergänzend dazu, dass eine intensive Beschäftigung nicht die Regel ist, dass das Rahmenübereinkommen weitgehend unbekannt ist, dass Materialien, sei es wissenschaftliche Literatur, Handreichungen zum Unterricht oder auch die Ausstellungen zur Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma in Heidelberg oder in Darmstadt eher unbekannt geblieben sind. Gleichzeitig wurde der Eindruck der fehlenden Ausbildung im Studium auch durch Zahlen bestätigt. Fazit: das Thema ist im Unterricht nicht so angekommen, wie vom Landesverband erhofft oder von der Kultusbehörde erwartet.
Margit Romang referierte über die Wahrnehmung von Sinti und Roma in der Presse. Sie betonte den Unterschied zu bisherigen Untersuchungen, die vor allem den Antiziganismus in Artikeln wie in der Darstellung aufzeigen wollten. In ihrer Darstellung sollte die Gesamtwahrnehmung ggf. auch die Veränderungen, die es in den letzten Jahren geben habe, dargestellt werden. Vor allem für die letzten fünf Jahre stellte sie eine positive Veränderung fest, wenn es darum ging, Sinti und Roma als Opfer des Nationalsozialismus zu darzustellen. Über Gedenkveranstaltungen würde in der Regel positiv berichtet, auch wenn immer wieder Unkenntnis über die Geschichte der Sinti und Roma deutlich würde. Über das Thema „Mahnmal in Berlin“ sei ausführlich geschrieben worden; hier wird aber auch eine Tendenz sichtbar, den aus Sicht der Sinti und Roma diskriminierenden Begriff „Zigeuner“ wieder einzuführen. Neu ist, dass über Rassismus gegen Sinti und Roma zum Teil ausführlich berichtet wird. Geblieben sind aber auch Artikel, vor allem aus dem polizeilichen Umfeld, rassistische Klischees benutzen, bedienen oder fördern. Als drastisches Beispiel diente hier eine unkommentierte Publizierung eines Leserbriefs in „DER KRIMINALIST“, der nach Auffassung mancher Juristen den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllte.
Die in den Umfragen und Fragebögen wie auch vom Publikum genannten Zigeunerbilder wurden im anschließenden Referat von Wilhelm Solms aufgenommen, hinterfragt und dekonstruiert. Am häufigsten wurde von den Anwesenden wie auch in den Fragebögen das Bild „Fahrende“ bemüht, daneben wurden „Kriminalität“ und die Begrifflichkeit an sich genannt. Solms wies darauf hin, dass der Begriff und die Bilder der Fahrenden auf die Gruppe der im 15. Jahrhundert nach Mitteleuropa eingewanderten Sinti übertragen worden sei. „Zigeuner“ ist eine Fremdbezeichnung, die als Beleidigung oder Diskriminierung, von Sinti und Roma empfunden wird.
Vor der abschließenden von Sabena Donath moderierten Podiumsdiskussion stellte Stadtrat Jochen Partsch den Willen der Wissenschaftsstadt Darmstadt dar, die projektierte Dauerausstellung zum Antiziganismus zu unterstützen – wenn sich weitere Kooperationspartner wie das Land Hessen oder Sponsoren finden ließen. Hieran anknüpfend stellten die anwesenden Landtagsabgeordneten der CDU, der SPD, der Grünen und der F.D.P. ihre Bereitschaft heraus, sich eingehender mit der Thematik zu beschäftigen. Konkret schlug Karola Schule-Asche einen von den anwesenden Vertretern der Fraktionen unterzeichneten Brief an den Landtagspräsidenten vor, die mobile Ausstellung „Hornhaut auf der Seele“ zeitnah im Foyer des Landtags zu präsentieren, nicht zuletzt um die Mitglieder des Landtags für das Thema zu sensibilisieren. Zugegeben wurde eine gewisse Unkenntnis darüber, in welchem Verhältnis die Vertretung der hessischen Sinti und Roma und das Land Hessen stehen und welche Bedeutung das europäische Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten hier hat. Gespräche über eine vom Landesverband neu formulierte konzeptionelle Ausrichtung der Zusammenarbeit wurden zugesagt. Samson Lind als Vertreter des Verbandes und in seiner Eigenschaft als Mediator in einem Schulprojekt in Bad Hersfeld betonte ausdrücklich, dass es den Sinti und Roma um gleichberechtigte Teilhabe und um Partizipation in allen Bereichen gehe, dass es dazu Schritte zu unternehmen, die Wirkungen von immer noch vorhandenem Antiziganismus zu kompensieren, etwa durch Förderung von Schulprojekten, die es vielen Sinti und Roma ermöglich, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, der nicht durch Vorurteile bestimmt oder gar determiniert ist. Wilhelm Solms als Vorsitzender der Gesellschaft für Antiziganismusforschung pflichtete dem aus Sicht der Wissenschaften zu.


Udo Engbring-Romang

Presse
Darmstädter Echo vom 9. Juni 2008
Frankfurter Rundschau vom 11. Juni 2008



Vorträge

  • Prof. Dr. Wilhelm Solms ( Literaturwissenschaftler): „Zigeunerbilder“
  • Margit Romang, M.A. (Historikerin/Dokumentarin): Presseberichterstattung
  • Studierende: Erfahrungen aus einem Befragungsprojekt
  • Dr. Udo Engbring-Romang (Politologe/Historiker): Ergebnisse zweier Umfragen und Erfahrungen aus der Weiterbildung



Das Projekt

Ressentiments, Vorbehalte, positive wie negative Vorurteile oder auch schlicht Nichtwissen über Sinti und Roma kennzeichnen in vielen Begegnungen den Kontakt zwischen der Mehrheitsbevölkerung und der anerkannten nationalen Minderheit.
Dabei spielen Bilder über und von „Zigeuner“ offenbar eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Bilder erschweren einen vorurteilsfreien Dialog auf Augenhöhe, selbst wenn viele Menschen den Begriff „Zigeuner“ zurecht ablehnen, ihn aber trotzdem im Kopf haben, weil diese Vorstellungen sich über Jahrhunderte herausgebildet haben.

Über qualitative und quantitative Umfragen im einer Region beschränkt auf eine wesentliche Gruppe der Tradierung oder Brechung der Bilder sollen schrittweise die heute noch vorhandenen Bilder ermittelt werden. Dazu sollen Fragebögen eingesetzt werden, Interviews und auch workshops durchgeführt in der Gruppe der Pädagogen, die als Multiplikatoren tätig sind. Das sind vor allem die Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen, dazu auch Erzieher/innen im Vorschulbereich. Erweiterbar ist diese Untersuchung, die empirisches Material für eine sachliche Diskussion, für die Entwicklung von Aufklärungsaktionen und Bewusstseinsmachung liefern soll, in einem zweiten Schritt auch auf Sozialpädagoginnen und -pädagogen, auf Behördenmitarbeiter/innen, ggf. auch auf Polizistinnen und Polizisten, die aller Wahrscheinlichkeit aufgrund ihrer spezifischen Berufstätigkeit selektive entwickelte „Zigeunerbilder“ nutzen, die auf die Sinti und Roma übertragen werden.
Letztlich geht es um die Sensibilisierung von Personen, die im weitesten Sinne als Multiplikatoren tätig sind und um die Suche nach den Ursachen für das Weiterbestehen tradierter Bilder, die mit der Realität der Sinti und Roma wenig zu tun haben.

Die Ergebnisse sollen in Workshops diskutiert, auf einer Tagung mit Experten vorgestellt und in einer Publikation zugänglich gemacht werden.


Kooperationspartner
Als Kooperationspartner sind die Schulen zu nennen. Die TU Darmstadt ist über den Fachbereich Pädagogik  vertreten. Studierende können einen Teil der Interviewtätigkeit bzw. unter Anleitung die Auswertung der Fragebögen übernehmen.
Die Gesellschaft für Antiziganismusforschung e.V. (Marburg/Mannheim) kann ebenfalls mit Expertenwissen im Hintergrund tätig werden.
Der Förderverein Zentrum für Menschlichkeit und Demokratie, gegen Rassismus e.V. (Darmstadt) kann Ergebnisse in seiner geplanten Ausstellung zum Thema „Antiziganismus“ aufnehmen.

Zwei interne Workshops zur Vorbereitung der Umfrage und zur Schulung der Interviewerinnen und Interviewer fanden am 17. und 24. Januar 2008 statt. Der dritte Workshop wurde am 8. Mai 2008 durchgeführt.






Eine gemeinsame Plakataktion der GEW Hessen, der Jüdischen Gemeinden in Hessen und des Verbands Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Hessen, erinnert an die Befreiung Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 und an die Verbrechen des NS-RegimesZum Plakat







Die Projekte des Lokalen Aktionsplans Darmstadt werden im Rahmen des Bundesprogramms „VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ gefördert.